Wann ist ein Mensch eigentlich krank – und wann einfach nur menschlich?
Diese Frage stellt kaum jemand so überzeugend wie Allen Frances. Das Besondere daran: Er ist kein Außenseiter, sondern einer der einflussreichsten Psychiater der Welt. Als Leiter der Arbeitsgruppe für das DSM-IV – das wichtigste Diagnosehandbuch der Psychiatrie – kennt er das System wie kaum ein anderer.
In seinem Buch zeigt Frances, wie psychische Diagnosen in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter ausgeweitet wurden. Was früher als normale Reaktion auf belastende Lebensereignisse galt – etwa Trauer, Schüchternheit oder kindliche Unruhe – wird heute häufig schneller als behandlungsbedürftige psychische Störung eingeordnet.
Mit großer Sachkenntnis und überraschender Offenheit beschreibt er die Risiken einer zunehmenden Pathologisierung unseres Alltags. Gleichzeitig erklärt er, welche wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen hinter dieser Entwicklung stehen und warum wir wieder lernen müssen, zwischen Leid, Lebenskrisen und tatsächlichen psychischen Erkrankungen zu unterscheiden.
Gerade für Menschen, die im psychosozialen Bereich arbeiten, bietet dieses Buch wertvolle Denkanstöße und regt dazu an, Diagnosen kritisch zu hinterfragen, ohne ihre Bedeutung grundsätzlich infrage zu stellen.
Unsere Meinung
Dieses Buch gehört für uns zur Pflichtlektüre für alle, die therapeutisch, beratend oder im Gesundheitswesen tätig sind. Allen Frances zeigt eindrucksvoll, dass Diagnosen helfen können – aber auch Schaden anrichten, wenn sie vorschnell oder unkritisch vergeben werden. Sein Appell für mehr Augenmaß, professionelle Demut und den Erhalt menschlicher Normalität ist heute aktueller denn je.
Unser Buchtipp:
Allen Frances (2014): Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Diogenes.
Über die Autorin / den Autor

Ursula Böhm
Seit 1994 leitet sie eine eigene Praxis für Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie in Hamburg und ist Gründerin sowie Lehrtherapeutin des ISPF. Sie verfügt über umfassende Ausbildungen in systemischen, körpertherapeutischen, hypnotherapeutischen und traumatherapeutischen Verfahren. Ihre Schwerpunkte liegen in der therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen, Paaren und Familien, der Durchführung von Familienrekonstruktionen sowie in der Supervision und dem Coaching für Institutionen.