Mehr als 80 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Dennoch beschäftigen sich Psychologen, Historiker und Familientherapeuten bis heute mit einer bemerkenswerten Frage:
Kann ein Krieg Menschen prägen, die ihn selbst nie erlebt haben?
Die Antwort lautet: Ja.
Immer mehr Forschung zeigt, dass traumatische Erfahrungen nicht mit einer Generation enden. Sie wirken oft über Jahrzehnte hinweg in Familien nach – durch Erziehung, Beziehungsmuster, Schweigen, Ängste und unbewusste Überlebensstrategien. Dieses Phänomen wird heute als transgenerationale Weitergabe von Traumata bezeichnet.
Ein Buch, das dieses Thema eindrucksvoll und gleichzeitig sehr persönlich beleuchtet, ist „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf.
Die Kinder der Kriegskinder – eine oft übersehene Generation
In den vergangenen Jahren wurde viel über die sogenannte Kriegskind-Generation geschrieben – also über Menschen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt haben. Bombennächte, Flucht, Vertreibung, Hunger, Verlust und Gewalt hinterließen bei vielen tiefe seelische Spuren.
Weniger bekannt ist jedoch die Frage:
Was bedeutete das für ihre Kinder?
Menschen, die in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen sind, hatten Eltern, deren eigene Kindheit von existenziellen Erfahrungen geprägt war. Viele dieser Eltern hatten nie gelernt, über Gefühle zu sprechen oder belastende Erlebnisse zu verarbeiten. Stattdessen dominierten häufig Durchhalteparolen, Pflichterfüllung und der Wunsch, nach vorne zu schauen.
Das Schweigen wurde zum Familienerbe.
Wenn Gefühle keinen Platz haben
Viele Leserinnen und Leser erkennen sich in den Schilderungen des Buches erstaunlich schnell wieder.
Vielleicht gab es auch in ihrer Familie Sätze wie:
- „Darüber spricht man nicht.“
- „Stell dich nicht so an.“
- „Andere hatten es viel schlimmer.“
Hinter diesen Botschaften standen oft keine Lieblosigkeit oder mangelnde Zuneigung.
Sie waren Ausdruck einer Generation, die gelernt hatte, Gefühle zu unterdrücken, um überhaupt überleben zu können.
Das Problem dabei:
Kinder übernehmen nicht nur das, was ihre Eltern sagen.
Sie übernehmen auch das, was unausgesprochen bleibt.
Unsicherheit, übermäßiges Verantwortungsgefühl, Schwierigkeiten mit Nähe, das Bedürfnis nach Kontrolle oder eine diffuse Angst können ihre Wurzeln in Erfahrungen haben, die lange vor der eigenen Geburt begonnen haben.
Was die Forschung heute weiß
Die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte bestätigen, was viele Familien intuitiv erlebt haben.
Studien aus der Traumaforschung, Bindungsforschung und Neurobiologie zeigen, dass unverarbeitete Traumata Auswirkungen auf die nächste Generation haben können. Dabei geht es weniger um eine direkte „Vererbung“ von Erinnerungen als vielmehr um die Weitergabe von Beziehungsmustern, Stressreaktionen und emotionalen Strategien.
Auch epigenetische Forschung untersucht, wie extreme Belastungen biologische Prozesse beeinflussen können. Zwar steckt dieses Forschungsfeld noch in der Entwicklung, doch die psychologischen Auswirkungen transgenerationaler Traumatisierung gelten inzwischen als gut belegt.
Für die Systemische Therapie ist diese Perspektive besonders bedeutsam.
Denn sie betrachtet Menschen immer auch im Zusammenhang ihrer Familiengeschichte.
Die Vergangenheit verstehen, ohne in ihr stecken zu bleiben
Besonders beeindruckend an Anne-Ev Ustorfs Buch ist sein ausgewogener Blick.
Es geht nicht darum, Schuldige zu suchen oder Eltern nachträglich zu verurteilen.
Im Gegenteil.
Das Buch lädt dazu ein, die Lebensgeschichte der eigenen Eltern besser zu verstehen und ihre Reaktionen in ihrem historischen Kontext einzuordnen.
Viele Leser berichten, dass dadurch Mitgefühl entsteht – für die Eltern, aber auch für sich selbst.
Wer versteht, wo bestimmte Familienmuster ihren Ursprung haben, kann beginnen, bewusste Entscheidungen für die eigene Zukunft zu treffen.
Warum dieses Buch auch für Therapeutinnen und Therapeuten wichtig ist
Gerade in der systemischen Arbeit begegnen uns immer wieder Themen, die sich nicht allein aus der aktuellen Lebenssituation erklären lassen.
Manche Konflikte, Ängste oder Beziehungsmuster entfalten ihre Bedeutung erst dann, wenn die Geschichte der Familie mit einbezogen wird.
Das Buch liefert hierfür zahlreiche Denkanstöße und macht deutlich, wie eng individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Geschichte miteinander verwoben sind.
Es zeigt eindrucksvoll, dass Biografie immer auch Familiengeschichte ist.
Und dass Heilung häufig dort beginnt, wo das Schweigen endet.
Unsere Buchempfehlung
„Wir Kinder der Kriegskinder“ ist weit mehr als ein historisches Sachbuch. Es ist eine Einladung, die eigene Familiengeschichte mit neuen Augen zu betrachten.
Besonders beeindruckt hat uns, wie Anne-Ev Ustorf historische Hintergründe, persönliche Lebensgeschichten und psychologische Erkenntnisse miteinander verbindet. Das Buch eröffnet vielen Menschen, die in den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren aufgewachsen sind, einen völlig neuen Blick auf ihre Eltern – und damit oft auch auf sich selbst.
Für Therapeutinnen und Therapeuten, Beraterinnen und Berater sowie alle, die sich für transgenerationale Prozesse interessieren, gehört dieses Werk zu den lesenswertesten Büchern über die langfristigen Folgen des Zweiten Weltkriegs.
Unser Buchtipp:
Anne-Ev Ustorf (2010): Wir Kinder der Kriegskinder – Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Verlag Herder. https://buchhandlung-christiansen.buchhandlung.de/shop/article/29716505/anne_ev_ustorf_wir_kinder_der_kriegskinder.html
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Über die Autorin / den Autor

Ursula Böhm
Seit 1994 leitet sie eine eigene Praxis für Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie in Hamburg und ist Gründerin sowie Lehrtherapeutin des ISPF. Sie verfügt über umfassende Ausbildungen in systemischen, körpertherapeutischen, hypnotherapeutischen und traumatherapeutischen Verfahren. Ihre Schwerpunkte liegen in der therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen, Paaren und Familien, der Durchführung von Familienrekonstruktionen sowie in der Supervision und dem Coaching für Institutionen.