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Die Kraft des Zweifelns – Warum systemisches Denken heute wichtiger ist denn je

    Warum ist Zweifel in der Systemischen Therapie keine Schwäche, sondern eine ihrer größten Stärken? Unsere Lehrtherapeutinnen Ursula Böhm und Annette Böhm berichten von ihren Eindrücken vom IGST-Symposion „Die Kraft des Zweifelns“. Erfahren Sie, warum gerade das Hinterfragen vermeintlich sicherer Wahrheiten die Grundlage für professionelles therapeutisches Handeln und nachhaltige Veränderung bildet.

    In einer Zeit, in der scheinbar für alles eine schnelle Antwort, eine eindeutige Diagnose oder die „eine richtige Lösung“ gesucht wird, wirkt Zweifel fast wie eine Schwäche. Wer zweifelt, scheint unsicher zu sein. Wer Fragen stellt, gilt schnell als unentschlossen.

    Doch gerade in der Systemischen Therapie ist das Gegenteil der Fall.

    Hier ist der Zweifel keine Schwäche, sondern eine professionelle Haltung. Er schützt davor, Menschen vorschnell einzuordnen, einfache Erklärungen für komplexe Probleme zu finden oder vorschnell zu glauben, bereits alles verstanden zu haben.

    Genau diesem spannenden Thema widmete sich das Symposion „Die Kraft des Zweifelns – Systemische Praxis in Zeiten ‚sicheren‘ Wissens“ der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST) , an dem unsere beiden Lehrtherapeutinnen Ursula Böhm und Annette Böhm teilgenommen haben.

    Wenn tausend Menschen gemeinsam das Offensichtliche hinterfragen

    Rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung des Heidelberger Instituts für Systemische Forschung und Therapie e. V.

    Psychotherapeutinnen, Berater, Coaches, Wissenschaftler und Ausbilder kamen zusammen, um sich einer Frage zu widmen, die aktueller kaum sein könnte:

    Was passiert, wenn wir glauben, bereits zu wissen, wie Menschen funktionieren?

    In zahlreichen Vorträgen und Workshops wurde deutlich, dass vermeintlich sicheres Wissen immer auch kritisch hinterfragt werden muss. Wissenschaft lebt nicht davon, Antworten für alle Zeiten festzuschreiben, sondern davon, bestehende Annahmen immer wieder zu überprüfen, weiterzuentwickeln und – wenn nötig – zu verwerfen.

    Gerade die Psychotherapie steht hier in einer besonderen Verantwortung.


    Wer entscheidet eigentlich, was normal ist?

    Kaum ein Bereich berührt unser Menschenbild so unmittelbar wie die Psychotherapie.

    Hier geht es nicht nur darum, Menschen zu helfen. Es geht auch um die Frage:

    Was gilt überhaupt als gesund?

    Und ebenso:

    Wann wird aus einer normalen menschlichen Reaktion eine psychische Erkrankung?

    Diese Fragen wirken zunächst medizinisch. Tatsächlich sind sie aber immer auch gesellschaftlich, kulturell und politisch geprägt.

    Was heute als behandlungsbedürftig gilt, wurde vor wenigen Jahrzehnten möglicherweise noch als normale Reaktion auf schwierige Lebensumstände verstanden. Umgekehrt werden psychische Erkrankungen heute oftmals früher erkannt und besser behandelt als noch vor einigen Generationen.

    Beides zeigt:

    Diagnosen entstehen niemals losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext.

    Gerade deshalb braucht es Fachleute, die bereit sind, kritisch zu denken und nicht jede scheinbar eindeutige Antwort ungeprüft zu übernehmen.


    Systemisches Denken beginnt dort, wo einfache Antworten enden

    Das Besondere am systemischen Ansatz ist seine Haltung.

    Während viele Denkmodelle nach einer eindeutigen Ursache suchen, fragt die Systemische Therapie zunächst:

    • In welchem Zusammenhang entsteht dieses Verhalten?
    • Welche Beziehungen spielen eine Rolle?
    • Welche Funktion erfüllt das Symptom möglicherweise?
    • Welche Perspektiven fehlen bisher noch?

    Statt einzelne Menschen isoliert zu betrachten, richtet sich der Blick auf Wechselwirkungen, Kommunikationsmuster und soziale Systeme.

    Ein Verhalten wird dadurch nicht entschuldigt – aber verständlicher.

    Und genau darin liegt eine enorme Stärke.

    Denn häufig verändert sich die Sicht auf ein Problem bereits dann, wenn wir beginnen, andere Fragen zu stellen.

    Zweifel schafft neue Möglichkeiten

    Viele Menschen wünschen sich eindeutige Antworten.

    Systemische Therapeutinnen und Therapeuten wissen jedoch, dass vorschnelle Gewissheiten häufig Veränderung verhindern.

    Wer glaubt, bereits genau zu wissen, warum ein Mensch leidet, hört irgendwann auf, wirklich zuzuhören.

    Wer hingegen bereit ist zu zweifeln, bleibt neugierig.

    Diese professionelle Neugier eröffnet neue Perspektiven, macht verborgene Ressourcen sichtbar und ermöglicht Lösungen, die vorher undenkbar erschienen.

    Der Zweifel ist deshalb kein Hindernis für therapeutisches Arbeiten.

    Er ist oft der Anfang davon.

    Eine Haltung, die weit über die Therapie hinausreicht

    Die Diskussionen des Symposions machten deutlich, dass systemisches Denken nicht nur in der Psychotherapie von Bedeutung ist.

    Auch in Unternehmen, Schulen, Familien, Organisationen oder der Politik erleben wir täglich komplexe Zusammenhänge, die sich nicht auf einfache Ursache-Wirkungs-Ketten reduzieren lassen.

    Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung erinnert uns das systemische Denken daran, dass mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig bestehen können.

    Dass Menschen gute Gründe für ihr Verhalten haben.

    Und dass Verständnis häufig dort beginnt, wo Bewertungen aufhören.

    Unser Fazit

    Das Symposion hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Kraft des Zweifelns kein Zeichen von Unsicherheit ist, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung.

    Systemisches Arbeiten bedeutet nicht, alles infrage zu stellen.

    Es bedeutet vielmehr, offen zu bleiben für neue Erkenntnisse, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und Menschen niemals vorschnell auf Diagnosen oder Probleme zu reduzieren.

    Gerade deshalb ist diese Haltung heute aktueller denn je.

    Denn in einer Welt voller einfacher Antworten braucht es Menschen, die bereit sind, die besseren Fragen zu stellen.

    Über die Autorin / den Autor

    Ursula Böhm

    Ursula Böhm

    ursula.boehm@ispf-hamburg.de |  + posts

    Seit 1994 leitet sie eine eigene Praxis für Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie in Hamburg und ist Gründerin sowie Lehrtherapeutin des ISPF. Sie verfügt über umfassende Ausbildungen in systemischen, körpertherapeutischen, hypnotherapeutischen und traumatherapeutischen Verfahren. Ihre Schwerpunkte liegen in der therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen, Paaren und Familien, der Durchführung von Familienrekonstruktionen sowie in der Supervision und dem Coaching für Institutionen.