Warum scheitern manche Beziehungen ausgerechnet dann, wenn es scheinbar nie Streit gibt? Viele Paare setzen Harmonie mit einer glücklichen Partnerschaft gleich. Doch genau das kann zu einer schleichenden Entfremdung führen. Warum Konflikte oft ein Zeichen von Lebendigkeit sind und was Paartherapeut David Schnarch darüber lehrt, erfährst du in diesem Artikel.
Wer an eine glückliche Partnerschaft denkt, hat oft ein klares Bild vor Augen: Zwei Menschen streiten kaum, verstehen sich blind, nehmen Rücksicht aufeinander und verbringen viele harmonische Jahre miteinander.
Doch was wäre, wenn genau diese Harmonie das eigentliche Problem wäre?
Tatsächlich scheitern viele Beziehungen nicht an zu vielen Konflikten – sondern an zu wenigen. Genauer gesagt: an Konflikten, die nie geführt werden.
Die stille Gefahr perfekter Harmonie
Viele Paare vermeiden Streit um jeden Preis. Sie schlucken ihre Enttäuschungen herunter, verschweigen Wünsche und passen sich immer stärker an den anderen an. Nach außen wirkt die Beziehung beneidenswert friedlich.
Doch im Inneren geschieht etwas anderes.
Mit jedem unausgesprochenen Wunsch und jeder vermiedenen Auseinandersetzung verliert die Beziehung ein Stück Lebendigkeit. Statt echter Begegnung entsteht Anpassung. Statt Intimität wächst Distanz. Aus Leidenschaft wird Gewohnheit.
Das Tragische daran: Beide meinen es gut.
Sie wollen den Partner nicht verletzen, keinen Streit provozieren und die Harmonie bewahren. Doch genau dadurch entsteht häufig eine Beziehung, in der niemand mehr wirklich sichtbar ist.
Der Preis der Anpassung
Eine Partnerschaft lebt nicht davon, dass zwei Menschen möglichst ähnlich sind.
Sie lebt davon, dass zwei eigenständige Persönlichkeiten einander begegnen.
Wer ständig darüber nachdenkt, was der andere hören möchte, verliert irgendwann den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. Gespräche drehen sich nur noch um Organisation, Alltag und Termine. Schwierige Themen werden vermieden. Die Beziehung funktioniert – aber sie berührt nicht mehr.
Viele Paare beschreiben diesen Zustand später mit Sätzen wie:
- „Eigentlich hatten wir nie große Probleme.“
- „Wir haben uns nie richtig gestritten.“
- „Irgendwann war einfach nichts mehr da.“
Nicht der Konflikt hat die Beziehung zerstört.
Sondern das Ausbleiben echter Auseinandersetzung.

Gute Beziehungen brauchen Reibung
Konflikte haben einen schlechten Ruf.
Dabei sind sie zunächst einmal ein Zeichen dafür, dass zwei Menschen ihre Unterschiedlichkeit zeigen. Sie sagen:
„Das ist mir wichtig.“
„So erlebe ich unsere Beziehung.“
„Hier wünsche ich mir etwas anderes.“
Natürlich können Konflikte verletzend geführt werden. Doch gar keine Konflikte zu führen, bedeutet oft, dass mindestens einer aufgehört hat, sich wirklich zu zeigen.
Eine lebendige Beziehung hält Unterschiede aus.
Sie lebt davon.
David Schnarch: Intimität entsteht nicht durch Anpassung
Kaum jemand hat dieses Thema so eindrucksvoll beschrieben wie der amerikanische Paartherapeut David Schnarch.
Mit seiner Crucible®-Therapie stellte er eine damals provokante These auf:
Nicht Harmonie macht Beziehungen stark.
Sondern die Fähigkeit, dem Partner die eigene Wahrheit zuzumuten.
Schnarch ermutigte Paare dazu, sich ehrlich zu zeigen – auch dann, wenn dies Unsicherheit, Spannungen oder Konflikte auslöst. Denn echte Intimität entsteht nicht dadurch, dass wir Konflikte vermeiden, sondern dadurch, dass wir uns trotz unserer Unterschiede verbunden fühlen.
Sein Ansatz fordert Mut.
Den Mut, sich verletzlich zu zeigen.
Den Mut, Grenzen zu setzen.
Den Mut, anderer Meinung zu sein.
Und den Mut, den Partner nicht ständig vor den eigenen Gefühlen zu schützen.
Unteraktivierte Paare – ein unterschätztes Phänomen
In der Paartherapie begegnen wir immer wieder Paaren, die kaum streiten.
Auf den ersten Blick scheint das positiv zu sein.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch häufig etwas anderes:
Die Beziehung ist emotional unteraktiviert.
Es wird wenig gelacht, wenig gestritten, wenig gefühlt und wenig riskiert.
Die Partner leben nebeneinander her, ohne sich wirklich zu begegnen.
Gerade diese Paare benötigen oft nicht weniger Konflikte – sondern mehr Mut zur Ehrlichkeit.
Eine wichtige Erkenntnis für Paartherapeutinnen und Paartherapeuten
Wer mit Paaren arbeitet, sollte sich nicht vorschnell von einer konfliktarmen Beziehung täuschen lassen.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
„Wie oft streiten Sie?“
Sondern:
- Worüber sprechen Sie lieber nicht?
- Welche Bedürfnisse zeigen Sie Ihrem Partner nicht?
- Was trauen Sie sich nicht zu sagen?
- Wovor schützen Sie Ihren Partner – oder sich selbst?
Oft liegen genau dort die eigentlichen Entwicklungsmöglichkeiten einer Beziehung.
Unser Lesetipp
Ein lesenswerter Artikel der New York Times beschreibt eindrucksvoll das Drama scheinbar harmonischer Beziehungen, in denen beide Partner aus Angst vor Konflikten ihre Wünsche und Bedürfnisse zurückhalten – bis die Liebe langsam in Belanglosigkeit versinkt.
Die beschriebenen Erkenntnisse passen erstaunlich gut zu den Überlegungen von David Schnarch und seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Paaren.
Unsere Buchempfehlung
Wer sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem empfehlen wir einen echten Klassiker der modernen Paartherapie:
David Schnarch: Intimität und Verlangen (Klett-Cotta).
Das Buch gehört für uns zu den wichtigsten Werken der Paartherapie. Es zeigt eindrucksvoll, warum echte Nähe nicht durch Anpassung entsteht, sondern durch die Bereitschaft, als eigenständiger Mensch in Beziehung zu bleiben – auch dann, wenn es unbequem wird. Gerade für Paartherapeutinnen und Paartherapeuten bietet Schnarch wertvolle Impulse, um Paare dabei zu unterstützen, Konflikte nicht als Bedrohung, sondern als Chance für Wachstum und echte Intimität zu verstehen.
Ein persönlicher Hinweis: Wir verlinken unsere Buchtipps bewusst auf die Buchhandlung Christiansen. Uns ist es wichtig, unabhängige Buchhandlungen zu unterstützen. Das Schöne: Du kannst dein Buch dort genauso einfach online bestellen wie bei den großen Versandhändlern und bekommst es in der Regel versandkostenfrei nach Hause geliefert.
Über die Autorin / den Autor

Ursula Böhm
Seit 1994 leitet sie eine eigene Praxis für Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie in Hamburg und ist Gründerin sowie Lehrtherapeutin des ISPF. Sie verfügt über umfassende Ausbildungen in systemischen, körpertherapeutischen, hypnotherapeutischen und traumatherapeutischen Verfahren. Ihre Schwerpunkte liegen in der therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen, Paaren und Familien, der Durchführung von Familienrekonstruktionen sowie in der Supervision und dem Coaching für Institutionen.