Streit gehört zu jeder Beziehung. Entscheidend ist nicht, ob Paare streiten, sondern wie sie miteinander streiten.
Dieses Thema hat die Wochenzeitung DIE ZEIT in einem ausführlichen Beitrag aufgegriffen und fünf Paartherapeutinnen und Paartherapeuten mit unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen nach ihren Erfahrungen gefragt. Mit dabei war auch Stefan Brandt, Diplom-Psychologe, Vorstandsmitglied des ISPF und seit vielen Jahren als systemischer Paartherapeut tätig.
Seine Antworten zeigen eindrucksvoll, worin sich der systemische Blick auf Konflikte von vielen alltäglichen Vorstellungen unterscheidet.
Nicht der Partner ist das Problem – sondern das Muster
In Konflikten erleben viele Paare den anderen als Ursache des Problems.
„Wenn du nicht immer …“
„Du hörst mir nie zu.“
„Du bist genau wie …“
Systemisches Denken richtet den Blick jedoch auf etwas anderes: auf die Beziehung zwischen zwei Menschen.
Nicht die einzelne Person steht im Mittelpunkt, sondern das Zusammenspiel beider Partner. Denn jede Reaktion löst eine weitere Reaktion aus. Aus einzelnen Konflikten entstehen mit der Zeit Muster, die sich immer wiederholen und schließlich festzufahren scheinen.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht:
Wer hat angefangen?
Sondern:
Wie entsteht dieses Muster – und wie können wir es gemeinsam verändern?
Worte können Brücken bauen – oder Beziehungen verletzen
Im Interview beschreibt Stefan Brandt, wie verletzend bestimmte Aussagen in einer Partnerschaft sein können.
Sätze wie:
„Du bist genau wie deine Mutter.“
oder abwertende Bemerkungen, die bewusst vor anderen ausgesprochen werden, treffen oft weit tiefer als der eigentliche Streit. Sie greifen das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit innerhalb der Beziehung an.
Systemisch betrachtet geht es dabei nicht nur um den konkreten Satz. Entscheidend ist, welche Bedeutung die Partner diesem Moment geben und wie sie anschließend damit umgehen.
Eine Beziehung muss an einer solchen Verletzung nicht zerbrechen.
Aber sie braucht die Bereitschaft beider Partner, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen.
Die Tür zur Veränderung geht von innen auf
Ein Satz aus dem Interview ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:
„Die Tür zur Veränderung geht von innen auf.“
Dieser Gedanke beschreibt einen Kern systemischer Arbeit.
Wir können unseren Partner nicht verändern.
Wir können jedoch unser eigenes Verhalten verändern.
Das klingt zunächst ernüchternd.
Tatsächlich ist es oft sehr entlastend.
Denn es bedeutet auch:
Ich bin nicht machtlos.
Wenn ich beginne, anders zuzuhören, anders zu reagieren oder einen Streit bewusst unterbreche, verändert sich häufig auch die Dynamik zwischen uns.
Nicht sofort.
Nicht immer.
Aber oft genug, um neue Möglichkeiten entstehen zu lassen.
Eine Pause ist manchmal der klügste Schritt
Viele Paare kennen den Moment, in dem ein Streit plötzlich kippt.
Die Stimmen werden lauter.
Beide fühlen sich missverstanden.
Es geht längst nicht mehr um das ursprüngliche Thema.
Stefan Brandt empfiehlt deshalb etwas, das erstaunlich einfach klingt:
eine vereinbarte Pause.
Manche Paare entwickeln dafür sogar ein gemeinsames Codewort.
Im ZEIT-Interview berichtet eine Kollegin von einem Paar, das dafür das Wort „Paris“ gewählt hat – als Erinnerung an gemeinsame schöne Erlebnisse. Wer dieses Wort ausspricht, darf den Streit unterbrechen. Gleichzeitig übernimmt diese Person die Verantwortung dafür, das Gespräch später wieder aufzunehmen.
Gerade solche kleinen Vereinbarungen können helfen, eine Eskalation zu verhindern und den Blick wieder auf das eigentliche Anliegen zu richten.
Beziehungen verändern sich durch kleine Schritte
Viele Menschen hoffen auf den einen entscheidenden Satz oder die perfekte Kommunikationstechnik.
Die Erfahrung aus der Paartherapie zeigt jedoch etwas anderes.
Nachhaltige Veränderungen entstehen häufig durch viele kleine Momente:
- besser zuhören,
- Verletzungen ernst nehmen,
- Verantwortung übernehmen,
- den eigenen Anteil erkennen,
- festgefahrene Muster gemeinsam unterbrechen.
Es sind oft keine spektakulären Veränderungen.
Aber genau diese kleinen Schritte können eine Beziehung wieder in Bewegung bringen.
Unser Lesetipp
Der vollständige ZEIT-Artikel versammelt spannende Perspektiven verschiedener Paartherapeutinnen und Paartherapeuten auf die Frage, wie eine konstruktive Streitkultur gelingen kann.
Besonders lesenswert sind dabei die systemischen Gedanken von Stefan Brandt, der zeigt, warum der Blick auf Beziehungsmuster häufig hilfreicher ist als die Suche nach dem Schuldigen.
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, empfehlen wir dir den vollständigen Beitrag der ZEIT.
Über die Autorin / den Autor
Stefan Brandt ist Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut. Er begleitet Menschen in persönlichen Krisen, unterstützt Paare in schwierigen Phasen und stärkt Führungskräfte in ihrer Rolle. Dabei verbindet er fundierte Psychologie mit einem klaren, praxisnahen Ansatz.
Mehr zu seiner Arbeit findest du hier:
praxis-stefanbrandt.de – Einzel- und Psychotherapie
diepaartherapeuten.de – Paartherapie
stefanbrandt.de – Coaching & Führung
