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Buchtipp: Was Yuval Hararis „Nexus“ mit systemischem Denken zu tun hat

    Es gibt Bücher, die liest man – und legt sie anschließend wieder ins Regal. Und dann gibt es Bücher, die den eigenen Blick auf die Welt verändern.

    Für mich gehört „Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur Künstlichen Intelligenz“ von Yuval Noah Harari eindeutig zur zweiten Kategorie.

    Harari beschreibt die Geschichte der Menschheit nicht in erster Linie als Geschichte von Königen, Kriegen oder technischen Erfindungen. Er erzählt sie als Geschichte von Informationsnetzwerken – von Kommunikation, Rückkopplungsschleifen und den Geschichten, die Menschen miteinander teilen.

    Während der Lektüre hatte ich immer wieder das Gefühl: Das klingt erstaunlich systemisch.

    Denn Harari beschreibt Gesellschaften als selbstorganisierende Systeme, die sich durch Kommunikation und Informationsfluss ständig verändern und zugleich stabilisieren. Genau dieser Blick auf Wechselwirkungen, Muster und Dynamiken ist uns aus der Systemischen Therapie und Beratung bestens vertraut.

    Besonders spannend fand ich seine zentrale Frage:

    Warum setzen sich bestimmte Informationen oder Erzählungen durch – und andere nicht?

    Harari zeigt eindrucksvoll, dass dafür oft nicht ihr Wahrheitsgehalt entscheidend ist. Viel wichtiger ist, ob eine Geschichte Orientierung gibt, Gemeinschaft stiftet oder bestehende Strukturen stabilisiert. Narrative können Gesellschaften zusammenhalten – selbst dann, wenn sie die Wirklichkeit nur unzureichend abbilden.

    Mich hat dieser Gedanke unmittelbar an die Arbeit mit Familien erinnert.

    Auch in Familiensystemen entstehen Geschichten, die über längere Zeit Stabilität schaffen können. Da gibt es beispielsweise die Erzählung, dass ein Familienmitglied „der Problemfall“ oder „der Störenfried“ sei. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Symptomträger, während die dahinterliegenden Wechselwirkungen im System zunächst unsichtbar bleiben.

    Aus systemischer Sicht erfüllt ein solches Narrativ häufig eine Funktion: Es schafft Ordnung und erklärt scheinbar, warum Schwierigkeiten entstehen. Gleichzeitig verhindert es oft, dass die eigentlichen Beziehungsdynamiken in den Blick kommen. Die Stabilität, die dadurch entsteht, ist meist nur eine Scheinstabilität – sie hält das System für eine Zeit zusammen, löst jedoch die zugrunde liegenden Muster nicht auf.

    Genau diese Parallele zwischen gesellschaftlichen und familiären Systemen hat mich beim Lesen immer wieder fasziniert. Hararis Analysen haben meinen Blick sowohl auf politische Entwicklungen als auch auf systemische Prozesse in Familien, Teams und Organisationen erweitert.

    Natürlich ist „Nexus“ kein Fachbuch über Systemische Therapie. Gerade deshalb lohnt sich die Lektüre. Sie eröffnet einen ungewohnten Blick auf Kommunikation, Macht, Narrative und Informationsflüsse – Themen, die auch für systemisch arbeitende Menschen von zentraler Bedeutung sind.

    Mein Fazit: Wer sich für systemisches Denken interessiert und bereit ist, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinauszuschauen, findet in diesem Buch viele Denkanstöße, überraschende Parallelen und zahlreiche Aha-Momente.

    Mein Buchtipp: „Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur Künstlichen Intelligenz“ von Yuval Noah Harari – eine ebenso kluge wie inspirierende Lektüre für alle, die Systeme verstehen möchten. https://buchhandlung-christiansen.buchhandlung.de/shop/article/52254724/yuval_noah_harari_nexus.html

    Ein persönlicher Hinweis: Wir verlinken unsere Buchtipps bewusst auf die Buchhandlung Christiansen. Uns ist es wichtig, unabhängige Buchhandlungen zu unterstützen. Das Schöne: Du kannst dein Buch dort genauso einfach online bestellen wie bei den großen Versandhändlern und bekommst es in der Regel versandkostenfrei nach Hause geliefert.

    Über die Autorin / den Autor

    Annette Böhm

    Annette Böhm

    annette.boehm@ispf-hamburg.de |  + posts

    Studium der Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Pädagogik. Psychoorganische Analytikerin (ECP), Coach und Lehrtherapeutin am ISPF. Seit 1995 in eigener Praxis tätig mit den Schwerpunkten Systemische Beratung, Persönlichkeitsentwicklung und Veränderungsprozesse.