altes Familienfoto

Familienrekonstruktion – Familiengeschichte aufarbeiten

„Die Vergangenheit ist nur Prolog“(Shakespeare)

Familiengeschichte meint den Kreislauf von Geburt und Sterben, von Heranwachsen und Altwerden, von Ansiedeln und Weggehen, aber auch von Hochzeiten und Trennungen, beruflichem Erfolg und Scheitern, von Krankheit und plötzlichem Tod. Dies private Drehbuch der Familie im Wechsel der Generationen wird immer mitgeschrieben von der großen Geschichte der Kriege und Bürgerkriege, der Verfolgungen und Vertreibungen.

Welche Rollen spielten unsere Angehörigen z. B. in der Nazizeit? Waren sie Mitläufer oder Täter, politische oder rassisch Verfolgte? Und wie griff der Krieg ein – durch Gefallene und Vermisste, durch Bombenkrieg und Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung?  Wie wurde später über diese Zeit zu Hause gesprochen? Oder war das Schweigen die Antwort auf alle Fragen? Und die Angehörigen anderer Völker: was hat sie aus ihrer Heimat vertrieben – Diktatur, Krieg, Hunger, Seuchen? Oder kamen sie vor Jahrzehnten als Arbeitsimmigranten nach Deutschland? Welchen Raum nehmen diese z. T. traumatischen Ereignisse, der Verlust von Heimat und Familie, die Entwurzelung aus Sprache und Kultur in der Familienerinnerung ein?

Die Schicksale unserer Vorfahren, ihre Entscheidungen und ihr Verhalten wirken auch ein Jahrhundert später in unsern Familien nach und in unser Leben hinein – bei der 2. (Kinder) ebenso, wie bei der 3. und 4. Generation (Enkel/Urenkel). Gleichzeitig sind wir selbst von der Zeit geprägt, in der wir aufgewachsen sind – in den bleiernen 50ern, den wilden 60ern, den grünen 70er, den coolen 80ern oder mit dem Techno-Beat der 90er.

Welche Lebensformen und Sprachen, welche Begegnungen mit Musik und Tanz, mit Film und Theater, mit Comics und Literatur, welche politischen Erschütterungen und Erfahrungen haben uns geprägt? Und wie haben wir selbst mitentschieden und mitgestaltet, wann haben wir nur mitgemacht und mitgeschwiegen? Was ist daran unser eigenes und wo agieren in uns, ohne daß wir es wissen, die Bilder und Muster der Vergangenheit?

Die Frage, in welchem Ausmaß und wie das geschieht, lässt sich mit Hilfe der Familienrekonstruktion beantworten. Sie ist eine Entdeckerreise, auf der die Teilnehmer zu Forschern der eigenen Geschichte werden. Jeder zeichnet den Stammbaum der Familie, schreibt seinen Lebenslauf, stellt wichtige Fotos zusammen und vergewissert sich über unklare Teile der Familiengeschichte durch Rücksprache mit Angehörigen. Anhand dieses Materials wird dann im Seminar gearbeitet.

Virginia Satir hat diese Methode in der Arbeit mit Randgruppen entwickelt. Sie erlebte, wie ihre Klienten, geprägt durch die Erfahrung von Gewalt und Sucht, Not und Kriminalität „ihre Vergangenheit dazu gebrauchten, ihre Gegenwart zu vergiften.“ Dadurch entstand eine Zukunft, „in der sich die Vergangenheit wiederholte.“ Indem sie die Dynamik der
Herkunftsfamilie in eine Chronologie der Familienereignisse einband, eröffnete sie dem Klienten die Möglichkeit neuer Sichtweisen und Verhaltensformen.

Die Familienrekonstruktion ist eines der wirksamsten therapeutischen Verfahren. Es basiert auf der Einsicht, dass Erinnerungen in der Jetzt-Zeit stattfinden und auch langjährig eingeübte Reaktionsmuster veränderbar sind. Es profitiert vom Austausch der Erfahrungen vieler Menschen und von der Möglichkeit, mit diesen Vielen eine Bühne des Lebens zu etablieren. Indem die vergangenen Schicksale wie in einem lebenden Bild reinszeniert werden, wird die Spur der ungelösten Verstrickungen und der nachwirkenden Bindungen sichtbar. Daraus ergeben sich Einsichten in das, was bisher unbegriffen war und Spielräume, wo sonst Zwang regierte.

Systemischer Ansatz

Die Geschichte in uns können wir nur entziffern, wenn wir sie als Teil der großen Geschichte lesen. Wenn wir begreifen, wie kollektive Kräfte – politische Systeme, Kriege, Wirtschaftskrisen – die individuellen Entscheidungen bestimmt haben, aber auch akzeptieren, dass die Macht der Geschichte immer nur aus der Zustimmung der vielen Individuen entstanden ist. Das kann uns helfen, die Eltern und Großeltern besser zu verstehen. Im Spiegel der andern sehen wir schärfer, wie sehr wir selbst und wo wir selbst fremdbestimmt sind. Das hilft Brücken bauen zwischen den Generationen, kann uns tiefer verbinden mit dem Volk, von dem wir abstammen und mit dem Land, in dem wir leben und schafft mehr Frieden in uns.

Zielgruppe

Das Seminar richtet sich an ehemalige Absolventen einer systemischen Ausbildung, Therapeuten, Sozialpädagogen, Berater und an alle Personen, die sowohl beruflich, als auch privat an dem Thema interessiert sind. Insbesondere an Personen, die an einer systemischen und historischen Sichtweise in Bezug auf die Genogrammarbeit interessiert sind. Es ist ein besonderer und außergewöhnlicher Ansatz, den das ISPF bietet, denn die systemische Arbeit wird von einem Historiker mit systemischen Hintergrund begleitet und ergänzt.

Leitung

Ursula Böhm und Hannes Heer

Ein- oder zwei Tage, jeweils 09:30 bis 18:30 Uhr

Ort

Borselstraße 7, Hamburg, Ottensen

Konditionen

  • 250 € für TeilnehmerInnen die aufstellen wollen (Ein-Tages-Seminar),
  • 340 € für TeilnehmerInnen die aufstellen wollen (Zwei-Tages-Seminar),
  • 50 €/Tag für Gäste, die auf diese Art die Methode kennen lernen wollen und als StellvertreterInnen dabei sind,
  • kostenfrei für TeilnehmerInnen der laufenden Ausbildung, wenn es die Kapazität zulässt.
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